Weiße Weihnachten, oder so ähnlich

Weihnachten, Silvester und mein Geburtstag: Bei 25 bis 35 Grad in Kigali und auf Zanzibar. Wenn mir vor einem Jahr das jemand erzählt hätte, hätte ich wahrscheinlich maximal müde gelächelt. Einerseits ist so viel ist passiert, so viel Zeit vergangen und so viel Routine in meinen Tagesablauf gekommen, andererseits fühlt es sich so an, als wäre ich gestern ins Flugzeug nach Ruanda gestiegen.

Zunächst zur Vorgeschichte: Die Monate vor der Weihnachtszeit und nach meinem letzten Blogbeitrag vergingen wie im Flug. Der Wechsel der Gefühle im Sportunterricht von Aufregung und Nervosität zu mehr Routine kam schnell. Ohne dass man es merkt, ist man im Arbeitsalltag. Der sieht so aus: Vormittags wird weiterhin der Unterricht der G.S. Kimisagara school unterstützt. Leichter gesagt als getan. Der Sportunterricht wird in Ruanda, wie in vielen anderen Staaten Ostafrikas, nicht sehr wertgeschätzt. Daher müssen die Klassen jede Sportstunde aus den Klassenräumen abgeholt werden. Wenn wir Glück haben, überzieht der vorherige Lehrer die Stunde nicht und wir können pünktlich anfangen. Wir haben 13 Klassen mit ca. 60 Schülern im Alter von 12 bis 19 Jahren, die wir in 40-minütigen Sportstunden unterrichten. Am Anfang werden die Schüler in eine Anwesenheitsliste eingetragen. Problematisch dabei ist jedoch, dass bei 60 Schülern in jeder Stunde etwa fünf bis zehn Schüler versuchen, ihre nicht anwesenden Freunde einzutragen, wenn diese ihre Sportsachen vergessen haben. Oft klappt das und ich bin mir sicher, dass sich  am Ende des Jahres einige sich dadurch eine bessere Note erschummelt haben. Allerdings kennt man nach einiger Zeit die Gesichter und Namen. Jakob, unsere Assistenten Jimmy und Jean Pierre (genannt Camoso= Linksfuß) und ich wissen inzwischen wer schummelt. Normalerweise spielen wir Fußball, Frisbee oder andere Sportspiele, die klassischerweise aus dem Sportunterricht in Deutschland bekannt sind. Ticken, Sprints, 7-Tage Rennen, Lions and Chicken und bald vielleicht einmal Handball sind eingeplant, aber am Ende jeder Stunde fragen die Schüler, wann wir wieder Fußball spielen.

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Auf diesem Platz geben wir alle unsere Sportstunden und viele Trainings

Nach der Sportstunde geht die Klasse zurück in den Unterricht und wenn wir keine weitere Klasse im Anschluss haben, kicken wir selber ein bisschen mit Jimmy und Camoso oder erledigen Office Work mit unserem (die Kinder nennen ihn Manager) Projektmanager Domy. Domy ist unser Ansprechpartner, Kollege und Freund. Er kümmert sich um die Verständigung mit Handwerkern oder unserer Vermieterin. Mit einem offenen Ohr für uns hilft er uns täglich und wir können wirklich über alles mit ihm reden. Jakob und ich haben ihn so lieb wie man seinen „Boss“ nur liebhaben kann. Wir schauen Fußball zusammen und gehen miteinander feiern, denn in Sachen Alkoholverträglichkeit muss er uns noch einiges beibringen.

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Unser „Manager“ Domy

Nachmittags trainieren Jakob und ich die Mädchenmannschaft von ESPERANCE und die Torhüter in allen Altersklassen. Wir helfen aus, wo wir können, egal ob Domy oder unser Trainer Emmanuel Sauve uns brauchen. Außerdem spielen wir noch mehr Fußball, ja das geht, mit den anderen Freiwilligen von ESPERANCE und Freunden aus der Umgebung. Das Ganze ist eine Art Nachmittagskick, der meiner und Jakobs Meinung nach oft zu ernst genommen wird und oft in Diskussionen ausartet. Da wir bei diesen Gesprächen sowieso nur Bruchstücke verstehen, halten wir uns einfach zurück, und fokussieren uns auf den Fußball.

Mittlerweile haben wir noch ein weiteres Projekt bekommen. Wir leiten einen Deutschkurs für zukünftige Süd-Nord-Freiwillige, die mit dem Programm „weltwärts“ nach Deutschland gehen. Es gibt zwar Deutschkurse im Goethe-Institut in Kigali, die sind jedoch sehr teuer. Von der Selbstvorstellung über das Wetter bis zu Körperteilen meistern die Schüler viele der einfachen grammatikalischen Strukturen der deutschen Sprache. Verben konjugieren, einen Tagesablauf schildern und das Beschreiben von Personen funktionieren oft schon sehr gut. Probleme gibt es bei den Vergangenheitsformen und den Fällen, die wir zugegeben auch noch nicht versucht haben zu erklären. Abgesehen von der Grammatik fällt den 16 bis 26jährigen Schülern die deutsche Aussprache schwer.

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Unsere Freunde im Deutschunterricht

Ä, Ü, Ö, ch, sch und der Unterschied zwischen R und L sind nur langsam zu erlernen, wobei sich die meisten tapfer schlagen. Manchmal erheitern wir die Laune der Deutschschüler mit Liedern, Zungenbrechern oder Vorträgen über deutsche Kultur und Geschichte. Der Deutschkurs, an dem sehr viele unserer Freunde teilnehmen, ist uns nach der langen gemeinsamen Zeit so ans Herz gewachsen, dass wir noch lange nach dem Ende des Kurses mit unseren Schülern reden. Ich glaube diese Zeit werde ich unter anderem am meisten vermissen… Ein komisches Gefühl daran jetzt schon zu denken, sechs Monate vor dem Ende.

Der Abschluss unseres Tages besteht meistens aus dem Genuss der Mixed-Plate vom Shop gegenüber. Ich kann nicht oft genug davon schwärmen. Ein RIESIGER Teller mit Reis, Kohl, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Kochbanane, Pommes und Sauce. Oder wir essen ein „Special“ (Kiswahili: Chipsimaiai): das sind Pommes und Zwiebeln, die in der Pfanne angebraten werden mit Eiern durchzogen, quasi ein riesiges Omelette. Natürlich kochen wir auch selber, dann gibt es meistens Nudeln mit Gemüse, Pilze, Bolognese oder andere einfache Gerichte.

Und jetzt endlich zum Titel dieses Berichts: Meinen Feiertagen und den Urlaub auf Zanzibar. Als die Feiertage näherkamen, hat sich auch das Schuljahr, das in Ruanda zum Ende des Kalenderjahres mit seinem dritten Term (Trimester) endet, dem Ende geneigt. Das bedeutet für die Schüler: lernen, lernen und noch mal lernen. Für Jakob und mich bedeutet das: Sporttests und Notenvergabe, eine überaus komplizierte Aufgabe. 12 Klassen mit jeweils 60-70 Schülern. Ca. 750 Namen, Gesichter und Noten. Wir haben „nur“ Sprints und Liegestütze gemacht, denn wir haben nur eine Woche vor dem Ende des Jahres erfahren, dass das Jahr aufhört. Trotzdem haben wir uns gefragt, wie man die Übersicht behält, beziehungsweise, wie die Lehrer es in den vergangenen Jahren gemacht haben. Nach der letzten Schulwoche geht die Prüfungsphase los mit den schulinternen Prüfungen. Darauf folgen die „national exams“,  landesweiten Prüfungen, die an jeder Schule gleich sind. Diese bestimmen die Versetzung eines jeden Schülers; für den letzten Jahrgang sind die Prüfungen mit dem Abitur vergleichbar. In der Zeit dieser Exams darf niemand, der nicht autorisiert ist, das Schulgelände betreten. Wei aber unser Mädchentraining, der Deutschkurs und natürlich auch die Unterrichtsstunden auf dem Gelände stattfinden, hatten wir frühzeitige Ferien.

Mit dieser plötzlich gewonnenen Freizeit haben wir uns um unser Haus gekümmert. Alte dreckige Ecken, die keiner anfassen wollte, wurden aufgeräumt. Das Haus – mehr oder weniger freiwillig – nach einer Überflutung durchgewischt. Unsere Küche wurde umgeräumt und neu sortiert. Zu guter Letzt haben wir von unserer Organisation ein neues Ecksofa bekommen, welches sich super an der frisch gestrichenen Wand macht. Den Rest der freien Zeit haben wir mit Entspannen verbracht, Filme gucken, mal so richtig ausschlafen, aber auch mit dem Konzipieren eines Deutschtestes für unseren Deutschkurs.

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Als dann die Feiertage näher kamen wurden, wie in Deutschland üblich, Geschenke und Essen gekauft, wir haben unsere Weihnachtsdeko ausgepackt und Besuch von anderen Freiwilligen aus Uganda bekommen. Der 23.12. hat der sowieso bei 25 Grad nicht aufkommenden Weihnachtsstimmung noch mal ein Brett vorgesetzt. Wir waren bei der deutschen Botschaft zur Poolparty eingeladen, und zwar als Dankeschön für unsere Hilfe beim Tag der deutschen Einheit, als wir in der Residenz des Botschafters gekellnert hatten. Einen Tag danach, am Heiligabend, den wir nur unter Deutschen gefeiert haben, denn in Ruanda ist Weihnachten traditionell am 25.12., haben wir deutsch gekocht. Spätzle, Rahmsauce, Ofengemüse und zum Nachtisch Bratäpfel und Kuchen. Das Essen hat sehr gut geschmeckt, die Atmosphäre auch bei der Bescherung später war super, aber die deutsche Weihnachtsstimmung kam nicht trotz Weihnachtsliedern.

Abends dann wurden Sachen gepackt, weil wir um 4:00 schon am Busbahnhof sein mussten. Von Kigali nach Dar es Salaam in 36 Stunden in einem viel zu kleinen Bus, der durch illegale Fahrgäste immer wieder aufgefüllt wird. Keiner kann schlafen, keiner hat Beinfreiheit. Es war eine grausame Fahrt, aus der wir gelernt haben: So fahren wir nicht wieder zurück. In Dar es Salam angekommen haben wir bei einem Automaten Tansania Schilling abgehoben und sind zur Fähre gegangen. Ab da, war der Anfang des Abenteuers. Mit dem Speedbootkatamaran haben wird die Millionenstadt an der Küste Tansanias verlassen sind nach Zanzibar gefahren.

Von der Ferne sieht Zanzibar aus wie ein Paradies, eine Trauminsel. Nach der Ankunft und der Kontrolle unserer Impfpässe (die wir interessanterweise nur zeigen mussten, ohne dass jegliche Impfungseintragungen kontrolliert wurden) kamen wir in Zanzibars Hauptstadt Stonetown an. Die ehemalige arabisch geprägte Insel, die eines der Hauptzentren des Sklavenmarktes war, ist heute eine teilautonome Region Tanzanias. Die Gebäude, abgesehen von den großen Hotelanlagen, sehen aus als wären sie noch aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, heruntergekommene, einst prachtvolle Fassaden und viele kleine Gassen bestimmen das Stadtbild. Nichts desto trotz ist Zanzibar touristisch geprägt. Kleine Läden mit Andenken, Zanzibar-Shirts oder Kühlschrankmagneten. Hohe Preise und allerhand Einheimische, die einem unbedingt irgendwas verkaufen wollen.

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Wir kommen in unserem Hotel an, treffen die anderen Freiwilligen unserer Organisation und schlendern durch die Stadt. In den darauffolgenden Tagen haben Strandbesuche, Spaziergänge und kleine Erkundungstouren unseren Urlaub geprägt. Zur Abwechslung kam das Anschauen von Sehenswürdigkeiten, Gewürztouren und Besuchen in Museen dazu. Manchmal sind wir abends feiern gegangen.

New Year, new hair, new me. Um „richtig” ins neue Jahr zu starten, habe ich mir, beziehungsweise Jakob mir, eine Glatze rasiert. Nein, ich war nicht auf Drogen, ich wollte das einfach schon immer mal machen. An Silvester ging es dann in den Norden Zanzibars, zur Full-Moon-Party am Strand. Der Abend hat sehr viel Spaß gemacht, es soll Feuerwerk gegeben haben, leider sind meine Erinnerungen an diesen Abend sehr verschwommen.

Im neuen Jahr haben wir Unterkunft und Location geändert und sind in die nähe der Party gezogen, in den Norden der Insel. Hier wurde Volleyball gespielt, noch mehr gebadet und das letzte bisschen Bräune verbessert, nur meine Glatze hat etwas Röte abbekommen. Außerdem haben wir eine Schnorcheltour am beliebten Riff vor Mnemba Island gemacht, ein weiterer wunderschöner Tag. Trotzdem entflieht man auf Zanzibar auch nicht dem Phänomen, dass die Tage wie im Flug vergehen. Nach gefühlt einem Strandtag war es schon der letzte Abend und mein Geburtstag, der Abreisetag. Ich habe Geschenke bekommen wir haben noch recht lange mit allen Ruanda, Uganda und Tanzania Freiwilligen zusammengesessen. Anschließend unsere Sachen gepackt, weil wir am nächsten Morgen schon früh zurück nach Dar es Salaam mussten, von wo wir die Reise nach Hause antreten wollten.

Weil ich zu lange nichts mehr gepostet habe hat sich zu viel angesammelt, weswegen ich über die Rückreise und die Zeit in Kigali danach einen weiteren Blogartikel schreiben werde. Wenn ihr trotzdem noch mehr Informationen über meinen Arbeitsalltag wollt, kann ich euch meinen Zwischenbericht (einen offiziellen Arbeitsbericht, der an meine Organisation abgegeben werden musste) schicken. Schreibe mir eine E-Mail

Dankeschön, viele Grüße aus Ruanda!!!

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PS: Die Katzenbabys sind verschwunden, dafür haben wir eine andere Katze adoptiert, Susann, die sich nicht immer so gut mit dem alten Ingo versteht wie auf diesem Bild.

Ein Kommentar zu „Weiße Weihnachten, oder so ähnlich

  1. Lieber Freddy,
    Deine Großeltern habn Deinen Weihnachts- oder so -bericht gelesen und für gut befunden, denn Du weißt, Lehrer haben immer Zensuren im Kopf – auch die ehemaligen. Als alter Redakteur für mehrere Vereinsnachrichten würde ich allerdings sogar 14,5 Punkte geben! Du kannst Dir sicherlich denken: 15 P sind nur für mich.
    Weiterhin alles Gute, bleibe gesund und munter.

    Herzlichst Deine Großeltern
    H. und K.

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